Private Altersvorsorge: Warum die dritte Schicht mehr kann als nur ETF oder Versicherung
- Christoph Burde
- 14. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Die Altersvorsorge besteht nicht aus einem einzelnen Produkt. Sie ist ein System aus verschiedenen Bausteinen. Nachdem wir uns bereits die Basisversorgung und die betriebliche Altersvorsorge angeschaut haben, geht es in diesem Artikel um die dritte Schicht der Altersvorsorge: die private Altersvorsorge.

Und genau hier wird es für viele besonders spannend.
Denn in dieser Schicht geht es um private Rentenversicherungen, fondsgebundene Rentenversicherungen, ETF-Rentenversicherungen und – im weiteren Sinne – auch um das klassische ETF-Depot.
Die zentrale Frage lautet aber nicht:
Was ist besser – ETF-Depot oder ETF-Rentenversicherung?
Die bessere Frage ist:
Welcher Baustein erfüllt welche Aufgabe in deiner Altersvorsorge?
Was ist die dritte Schicht der Altersvorsorge?
Die dritte Schicht umfasst die private, ungeförderte Altersvorsorge.
Dazu gehören zum Beispiel:
private Rentenversicherungen
fondsgebundene Rentenversicherungen
ETF-Rentenversicherungen
klassische Kapitalanlagen
ETF-Depots im weiteren Sinne
Der große Unterschied zu den ersten beiden Schichten:
Du bekommst in der Regel keinen unmittelbaren Steuervorteil bei der Einzahlung.
Das bedeutet:
Du verdienst dein Geld, zahlst darauf Steuern und Sozialabgaben und investierst anschließend aus deinem Nettoeinkommen in deine private Altersvorsorge.
Das klingt im ersten Moment weniger attraktiv als bei einer Basisrente oder betrieblichen Altersvorsorge. Dort gibt es häufig steuerliche Vorteile bereits während der Einzahlung.
Aber genau hier liegt der wichtige Punkt:
In der dritten Schicht entstehen mögliche steuerliche Vorteile nicht zwingend am Anfang, sondern häufig während der Laufzeit und später bei der Auszahlung.
Was ist eine ETF-Rentenversicherung?
Eine ETF-Rentenversicherung verbindet zwei Dinge:
Du investierst langfristig in Fonds oder ETFs.
Diese Geldanlage liegt in einem Versicherungsmantel.
Das bedeutet:
Du nutzt den Kapitalmarkt, aber nicht über ein normales Depot, sondern innerhalb eines Rentenversicherungsvertrags.
Und hier muss man fair bleiben:
Natürlich kostet so ein Vertrag Geld.
Deshalb sollte man immer prüfen:
Wie hoch sind die Kosten?
Welche ETFs oder Fonds stehen zur Verfügung?
Wie flexibel ist der Vertrag?
Welche Auszahlungsmöglichkeiten gibt es?
Was bekomme ich für die zusätzlichen Kosten?
Nur weil „ETF“ draufsteht, ist eine Rentenversicherung noch lange nicht automatisch gut.
Aber ein guter Versicherungsmantel kann echte Vorteile bieten.
Vorteil 1: Umschichten ohne laufende Steuerbelastung
Ein Punkt, der oft unterschätzt wird, ist das Thema Rebalancing.
Stell dir vor, du hast mehrere ETFs in deiner Altersvorsorge. Am Anfang legst du fest:
ETF A: 70 %
ETF B: 30 %
Nach einigen Jahren haben sich die ETFs unterschiedlich entwickelt. Plötzlich liegt die Gewichtung nicht mehr bei 70/30, sondern vielleicht bei 80/20.
Wenn du jetzt wieder auf deine ursprüngliche Strategie zurück möchtest, musst du umschichten.
In einem normalen Depot kann das bedeuten:
Du verkaufst Anteile.Dabei entstehen Gewinne.Auf diese Gewinne können Steuern anfallen.
Innerhalb einer fondsgebundenen Rentenversicherung ist das anders.
Wenn du innerhalb des vorgesehenen Fondsuniversums wechselst, löst dieser interne Wechsel für dich als Versicherungsnehmer nicht jedes Mal eine direkte Steuerbelastung aus.
Das Geld bleibt im Versicherungsmantel.
Solange es diesen Mantel nicht verlässt, werden Gewinne in der Regel nicht laufend besteuert.
Auch die Vorabpauschale, die viele ETF-Anleger aus dem normalen Depot kennen, wird dir als Versicherungsnehmer während der Laufzeit nicht direkt zugerechnet.
Das kann über 30 oder 40 Jahre ein interessanter Steuerstundungseffekt sein.
Wichtig:
Die Steuer verschwindet dadurch nicht automatisch. Sie wird im Wesentlichen nach hinten verschoben. Aber genau dieser Effekt kann langfristig spannend sein.
Vorteil 2: Die 62/12-Regel bei Kapitalauszahlung
Wenn du dich später entscheidest, dir das Kapital aus der ETF-Rentenversicherung auszahlen zu lassen, wird es steuerlich interessant.
Bei heute abgeschlossenen Verträgen gilt grundsätzlich die sogenannte 62/12-Regel.
Das bedeutet:
Der Vertrag muss mindestens 12 Jahre bestanden haben.
Die Auszahlung erfolgt frühestens nach Vollendung des 62. Lebensjahres.
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, wird grundsätzlich nur die Hälfte des steuerlich relevanten Unterschiedsbetrags angesetzt.
Vereinfacht gesagt:
Es geht nicht um die komplette Auszahlung, sondern um den Gewinn.
Beispiel: Kapitalauszahlung aus einer ETF-Rentenversicherung
Angenommen:
Du hast über die Jahre 100.000 € eingezahlt.
Zum Rentenbeginn sind daraus 200.000 € geworden.
Dann beträgt dein Gewinn:
100.000 €
Bei einer fondsgebundenen Rentenversicherung mit Investmenterträgen kann zunächst eine Teilfreistellung greifen. In diesem Beispiel gehen wir von 15 % aus.
Das bedeutet:
Gewinn: 100.000 €
davon 15 % frei: 15.000 €
verbleibender steuerlich relevanter Gewinn: 85.000 €
Wenn zusätzlich die 62/12-Regel erfüllt ist, wird davon nur die Hälfte angesetzt:
42.500 €
Diese 42.500 € werden dann mit deinem persönlichen Steuersatz versteuert.
Bei einem angenommenen Steuersatz von 30 % wären das:
12.750 € Steuern
Auf den ursprünglichen Gewinn von 100.000 € entspricht das einer effektiven Steuerbelastung von 12,75 %.
Das ist natürlich nur eine vereinfachte Modellrechnung nach heutigem Stand.
Steuerliche Regeln können sich ändern. Für individuelle steuerliche Fragen solltest du immer einen Steuerberater oder eine Steuerberaterin einbeziehen.
Vorteil 3: Lebenslange Rente und Ertragsanteilsbesteuerung
Du musst dir das Kapital nicht zwingend auf einmal auszahlen lassen.
Du kannst dich auch für eine lebenslange Rente entscheiden.
Dann greift eine andere steuerliche Logik: die sogenannte Ertragsanteilsbesteuerung.
Wie hoch dieser Ertragsanteil ist, hängt vom Alter bei Rentenbeginn ab.
Wenn du beispielsweise mit 67 Jahren in Rente gehst, liegt der Ertragsanteil nach heutigem Recht bei 17 %.
Das bedeutet:
Du bekommst nicht deine komplette private Rente steuerpflichtig angerechnet, sondern nur den Ertragsanteil.
Beispiel: 1.000 € monatliche private Rente
Angenommen, du bekommst später 1.000 € monatliche private Rente aus deiner ETF-Rentenversicherung.
Bei Rentenbeginn mit 67 Jahren wären davon nach heutigem Recht 17 % steuerpflichtig.
Das sind:
170 €
Wenn dein persönlicher Steuersatz im Alter bei 30 % liegt, zahlst du darauf:
51 € Steuern
Aus 1.000 € monatlicher Rente würden in diesem Beispiel also 51 € Steuerbelastung entstehen.
Auch hier gilt:
Das ist eine vereinfachte Modellrechnung nach heutigem Stand und keine Steuerberatung.
Der unterschätzte Vorteil: Psychologie
Neben Steuern und Vertragslogik gibt es noch einen Punkt, der häufig unterschätzt wird:
dein eigenes Verhalten.
Nehmen wir an, du hast 50.000 € in einem normalen ETF-Depot.
Dann kommt irgendwann die Idee:
neues Auto
größere Reise
neue Küche
spontane Anschaffung
Du öffnest deine Depot-App, verkaufst ein paar Anteile und denkst:
„Sind ja immer noch 45.000 € übrig.“
Genau hier kann ein Altersvorsorgevertrag helfen.
Nicht, weil du gar nicht an dein Geld kommst. Die dritte Schicht ist grundsätzlich flexibler als Schicht 1 oder Schicht 2.
Aber der Zugriff ist nicht ganz so spontan wie bei einem Depot.
Und genau das kann psychologisch hilfreich sein.
Eine ETF-Rentenversicherung kann dich ein Stück weit vor dir selbst schützen, weil klarer ist:
Das ist Altersvorsorge. Da gehe ich nicht einfach für eine neue Küche ran.
ETF-Depot oder ETF-Rentenversicherung?
Jetzt kommt die klassische Frage:
Was ist besser – ETF-Depot oder ETF-Rentenversicherung?
Die ehrliche Antwort lautet:
Es kommt darauf an.
Ein ETF-Depot bietet:
hohe Flexibilität
Transparenz
oft geringere Kosten
direkten Zugriff
freie Auswahl
Eine gute ETF-Rentenversicherung kann bieten:
steuerfreies internes Umschichten während der Laufzeit
keine direkte Vorabpauschale für dich als Versicherungsnehmer
steuerliche Vorteile bei Kapitalauszahlung
lebenslange Rentenoption
mehr Struktur für langfristige Altersvorsorge
Das Depot ist also nicht automatisch besser.
Die Rentenversicherung aber auch nicht.
Es kommt darauf an, was du erreichen willst.
Warum beides sinnvoll sein kann
In vielen Fällen ist nicht „entweder oder“ die beste Lösung, sondern eine Kombination.
Ein ETF-Depot kann sinnvoll sein für:
mittelfristige Ziele
Flexibilität
Vermögensaufbau mit Zugriffsmöglichkeit
Eine ETF-Rentenversicherung kann sinnvoll sein für:
langfristige Altersvorsorge
steuerliche Struktur
lebenslange Rentenoption
Schutz vor zu spontanem Zugriff
Gerade wenn du mehrere Jahrzehnte Zeit hast, kann es sinnvoll sein, beides sauber zu kombinieren.
Fazit: Die dritte Schicht gibt dir Freiheit – aber du brauchst einen Plan
Die dritte Schicht der Altersvorsorge ist besonders spannend, weil sie dir deutlich mehr Freiheit bietet als viele geförderte Vorsorgemodelle.
Du bekommst zwar in der Regel keinen direkten Steuervorteil bei der Einzahlung, dafür können sich während der Laufzeit und später bei der Auszahlung interessante steuerliche Vorteile ergeben.
Gerade eine ETF-Rentenversicherung kann Kapitalmarkt, langfristiges Investieren, Steuerlogik und lebenslange Rentenzahlung miteinander verbinden.
Aber auch hier gilt:
Ein Steuervorteil allein macht keinen schlechten Vertrag gut.
Entscheidend sind:
Kosten
ETF-Auswahl
Flexibilität
Laufzeit
steuerliche Behandlung
dein persönliches Ziel
Am Ende geht es nicht darum, möglichst viele Produkte aus allen drei Schichten zu besitzen.
Es geht darum, einen Altersvorsorgeplan zu haben, den du verstehst – und den du langfristig durchhalten kannst.




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